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A so a Theater!

Ich ruhe und raste nun schon eine ganze Zeit lang dahin, die letzten Monate waren etwas hart ohne Dich. Rost hat sich noch keiner über mich ausgebreitet, dafür scheinen meine Pedale bereits wie festgefroren. Sie halten nun schon einige Wochen Winterschlaf.

Um der Winterstarre zu entkommen, möchte ich dich gerne dazu einladen, mit mir eine neue Reise zu machen. Bei mir hier am Hügel sind die Narren noch nicht angekommen, deswegen dachte ich mir, wir fahren sie besuchen. Und damit wir nicht ganz unschuldig bleiben, habe ich für köstlichen Proviant in meiner Fahrradtasche gesorgt.

Komm, steig auf und bring neuen Schwung in meine Pedale. Der Frühling ist zwar noch nicht eingekehrt, dafür erwärmen und erfreuen wir uns beim Betrachten eines Spektakels.

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Schon Platon hat gemeint, der Wein sei ein Geschenk der Götter. Gott sei Dank, dass auch wir die edlen Tropfen nicht verschmähen müssen und gerade jetzt im Fasching sich jeder mal manch weinviertlerisches Schluckerl gönnen darf. Wir machen uns heute unser eigenes Theater, ein Weintheater. Meint aber keinesfalls Heulkrämpfe aufgrund vermehrten Alkoholkonsums, sondern nebst flüchtigem Stehachterl beobachten wir das bunte Treiben um uns herum. Warum flüchtig? Das wirst du gleich sehen.

Du musst wissen, der Fasching im Weinviertel spielt sich selten auf der Straße ab, dafür umso mehr in jeglichen Häusern selbst, in den Ämtern, Büros und Geschäftslokalen, in Kaffeehäusern, Gasthäusern, Wohnhäusern, Lusthäusern und sonstigen Spelunken. Jacques, der pessimistische Philosoph in Shakespeares „Wie es Euch gefällt“, karikiert mit seiner Polemik wie folgt: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, […].“ Und das gerade jetzt im Fasching umso mehr. Der Fasching überhöht nur das alltägliche Spiel und spitzt das Geschehen auf Situationen eruptiven Charakters zu.

Diese Eruption kannst du im Folgenden vor allem im Gesicht der Menschen ablesen. Das Gesicht ist Ausdruck der Seele, sagt man. Mal sehen, welch Ausdrücke uns in den nächsten flüchtigen Momenten widerfahren. Ich weiß schon, frönst du dem Wein, ist der Blick vielleicht getrübt, aber ich verspreche dir, mein Weinproviant für dich wird deinen Blick eher schärfen als trüben! Hab keine Angst vor dem, was du siehst. Es ist das Leben!

Komm, ich kenn da einen Ort im Weinviertel, da spielt sich alles Theater rund um den Hauptplatz ab. Keine Kammer, in der sich nicht irgendetwas Verkehrtes abspielt. Sozusagen ein Kammerspiel der exzentrischen Art. Sitzt du fest? Fahren wir los. Sobald du bereit bist für das erste Steh-Achterl, zieh die Bremse und steig ab. Halt dich aber bitte weiterhin an mir fest, denn es wird nicht bei einem Steh-Achterl bleiben, das versprech ich dir. Hast du Lust bekommen auf karnevalistisches Treiben? Auf geht’s‘, denn wir haben so einige Kilometer vor uns, was keinesfalls schadet, denn wir benötigen die lange Rückreise, um wieder klar im Kopf zu werden und die Welt wieder etwas nüchterner betrachten zu können.

Noch immer ganz schön kalt. Ich glaube der Fasching dient rein dazu, dem langen Winter Kehraus zu machen und sich anschleichenden Depressionen zu versagen. Ok, entschuldige bitte, aber meine Gedanken gleiten so dahin. Aha, ich merke, wir sind angekommen. Du hast dich für einen ersten Stopp entschieden. Was seh ich da? Lauter angezuckerte Mäuler in der Bäckerei? Ein erstes markantes Erkennungszeichen für den Fasching in der Heimat. Die Faschingskrapfen haben Saison. Die Marmelade quillt aus allen Öffnungen! Oh Gott, sieh Mal, manche bekommen gar nicht genug davon! Brauchst du schon dein erstes Achterl? Lass es dir schmecken bevor es weitergeht.

Gleich nebenan, puh, da qualmt es aber ordentlich. Rote Nasen in der Trafik? Dort treffen sich alljährlich die originellsten Clowns und machen einen Lachwettbewerb. Ein gutes Stamperl hilft ihnen dabei. Stamperl hast du nicht dabei, dafür dein Achterlglas. Du darfst es gern wieder füllen. Schau, da drüben, auf der anderen Seite, da regnet es zwar keine Geldscheine, dafür Konfetti in allen Farben.

Auch im örtlichen Geldinstitut darf mal großzügig gefeiert werden. Du hast Recht, in den Gesichtern dieser Menschen zeichnet sich mehr Schrecken als gute Laune ab. Böse Miene zum bösen Spiel? Euje, da seh ich ja auch schon Tränen fließen. Ich glaube, der Fasching meints‘ nicht gut mit jedem Menschen. Du, ich hab da eine Idee, nimm dein Steh-Achterl und biet es diesen Narren als Schmäh-Achterl an. Vielleicht kannst du sie etwas damit erheitern? Oft brauchen die Menschen einfach nur ein wenig Ansprache. Du schenkst ihnen bestimmt Balsam für die Seele. Ich warte hier auf dich. Noch stehst du ja fest auf beiden Beinen. Aber vergiss mich nicht und kehre aus der verkehrten Welt wieder zurück. Es soll nur ein Ausflug sein!

Ah, da bist du ja wieder. Steht die ganze Welt noch Kopf? Oder ziehen sich die ausgelassenen Seelen langsam wieder in ihr Schneckenhaus zurück? Komm, wir sollten heimkehren. Im Keller in Roseldorf wartet noch ein Schluss-Achterl auf dich! Ich bring dich nach Hause. Um den Nachhauseweg etwas zu verkürzen, hab ich noch einen Witz für dich: Sagt der Rotwein zum Weißwein: „Bist du eifersüchtig?“ „Auf wen?“ „Na auf mich.“ „Nein. Aber süchtig.“ „Auf wen?“ „Na auf dich.“ Ok, der war vielleicht nicht so gut. Aber, im Fasching finden die Menschen doch alles lustig, oder nicht? Wir beide lassen es für heute aber sein. Freu dich auf die gemütliche Couch und dein letztes Achterl im Danzingerkeller heut.

Bis zum nächsten Mal!

Deine Velocina Vinocina Vicina – ups, auch schon ganz verkehrt!

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